Gesundheitsaktien hatten 2023 ein schwieriges Jahr. Zwar hat sich die Performance des Sektors 2024 wieder verbessert, liegt jedoch immer noch hinter dem breiteren Markt, der vom Hype rund um Künstliche Intelligenz profitierte. Doch dadurch sind die Bewertungen im Gesundheitssektor günstig – und Healthcare-Unternehmen, die innovative Produkte entwickeln oder von solchen profitieren, dürften den breiten Markt langfristig übertreffen.
Die relative Performance des Gesundheitswesens war in den vergangenen Jahren stark mit der Anlegerstimmung gekoppelt, und die Aussichten für die US-Wirtschaft, die Inflationsdaten und die Entwicklung der langfristigen Zinssätze waren wichtige Performancetreiber. Makroökonomische Faktoren dürften jedoch an Relevanz verlieren, sobald sich die Inflation dem Ziel der Federal Reserve nähert und die Notenbank die Geldpolitik lockert. Stattdessen werden die Fundamentaldaten und politische Entwicklungen die Aktienkurse stärker beeinflussen. Die Aussichten für Aktien im Gesundheitswesen dürften sich wieder aufhellen, insbesondere angesichts der beträchtlichen Innovationen, die in diesem Sektor zu beobachten sind.
Positive Anlegerstimmung und M&A-Aktivitäten sorgen für Aufwind
Der langfristige Anstieg der Zinsen und mangelnder Zugang zu frischem Kapital im Jahr 2023 setzten Small- und Mid-Cap-Unternehmen (SMID) aus dem Bereich der Biotechnologie unter Druck. Doch nun ist der Zinszenit überschritten: Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen liegt rund 125 Basispunkte unter dem Höchststand von 2023. Dieser Rückgang der Zinsen hat die Stimmung weiter verbessert, und klinische Erfolge sowie erleichterte behördliche Auflagen beflügeln den Sektor zusätzlich.
Obwohl es keine Börsengänge gab, konnten sich Healthcare-Unternehmen in diesem Jahr Kapital beschaffen – über öffentliche Anschluss- oder Privatfinanzierung. Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A) verliefen allerdings schleppender als im vergangenen Jahr. Das ist wahrscheinlich ein Nebeneffekt der Entwicklungen, die bei den Large-Cap Unternehmen des Biopharma-Sektors zu beobachten sind: Unternehmen versuchen, kürzlich erworbene Unternehmen zu integrieren und Kosten zu reduzieren, bevor ihre Patente auslaufen. Angesichts dieser auslaufenden Patente sowie der Tatsache, dass ein Großteil der Medikamente in den Pipelines in einem frühen Stadium ist, dürften die M&A-Aktivitäten jedoch wieder ansteigen. Anleger sollten dementsprechend in Betracht ziehen, Biotech-Nebenwerte im Vergleich zu Large-Caps überzugewichten.
Biologika-Produktion verlagert sich auf die Industrieländer
Im Gegensatz zu Biotechnologieunternehmen aus dem Segment der Nebenwerte sind die Aussichten für Aktien aus den Bereich Life-Science-Tools sowie von Instituten für Auftragsforschung durchwachsen: Die Nachfrage aus China ist nach wie vor niedrig, kleine und mittelgroße Unternehmen sind bei Investitionen vorsichtiger geworden und Large-Cap-Biopharma-Unternehmen konzentrieren sich mehr auf Margen und kurzfristige Pipeline-Initiativen als auf vorklinische Forschung und Kapitalinvestitionen.
Andererseits haben Kunden nach dem zweiten Quartal ihre Lagerbestände scheinbar größtenteils abgebaut, insbesondere bei der Herstellung von Biologika im klinischen Stadium sowie bei kommerziellen Produkten. Längerfristig zeichnet sich zudem ab, dass zwei Gesetze die Nachfrage nach biologischen Produkten weiter ankurbeln können: Zum einen verlagern Unternehmen im Rahmen des Inflation Reduction Act ihren Fokus auf Biologika, da für diese andere Regelungen gelten – die Patentexklusivität beläuft sich hier auf 13 Jahre, wohingegen das Patent bei kleinen Molekülen neun Jahre erhalten bleibt. Zum anderen verlagern Unternehmen aufgrund des Biosecure Act die inkrementell stattfindende Produktion von Biologika sowie Genforschungsarbeiten auf Unternehmen, die nicht in China angesiedelt sind. Für diesen Bereich soll das Gesetz staatlichen Stellen verbieten, Verträge mit chinesischen Unternehmen abzuschließen. Anleger können diese Chance nutzen, um schrittweise in die Bioproduktion der Industrieländer zu investieren.
Gesundheitsdienstleiter profitieren trotz Adipositas-Medikamenten, Aktien für Medizintechnik leiden
Im Sommer 2023 erreichte die Diskussion um Medikamente gegen Fettleibigkeit einen Höhepunkt. Anleger hegten Bedenken, dass derartige Medikamente das Volumen medizinischer Eingriffe verringern würden. Die Aufregung um das Thema schwächte sich gegen Ende des Jahres jedoch ab, denn die Anzahl der durchgeführten medizinischen Eingriffe blieb hoch. Das stützte die Renditen der Gesundheitsdienstleiter, allerdings auf Kosten der Performance von Managed-Care-Aktien.
Im Gegensatz dazu waren die Renditen bei Medizintechnikaktien viel gemischter, und die positive Performance konzentrierte sich auf einige wenige langfristige Gewinner. Die negative Stimmung für diesen Sektor hält an und es werden wahrscheinlich mehrere Quartale mit solider Performance nötig sein, bis das nachhaltige Wachstum der Zulassungszahlen kritische Anleger wieder überzeugen kann. Die negative Einstellung hat die Renditen der Branche gedrückt und verhindert, dass sich Small Caps durch Börsengänge erholen. Es ist allerdings nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Performance verbessert: Die Unternehmen sind tendenziell ausgelastet und auch die M&A-Aktivitäten nehmen wieder Fahrt auf.
Adipositas-Medikamente bleiben lukrativ, doch es ist Vorsicht geboten
Medikamente gegen Fettleibigkeit haben das Potenzial, die größte Medikamentenklasse der Geschichte zu werden. Sie erfreuen sich massiver Beliebtheit und sind zu einem Social-Media-Phänomen geworden. Zudem gibt es einen kontinuierlichen Strom klinischer Daten, die den medizinischen Nutzen dieser Medikamente bestätigen. Die erwarteten Wettbewerbsbarrieren für einen Eintritt in den Markt waren sehr hoch, weshalb Anleger sich viel von der Arzneiklasse versprochen haben. Daher sind auch die Aktienbewertungen der beiden führenden Unternehmen für Adipositas-Medikamente hoch. Investoren sollten jedoch auch eine Reihe an langfristigen Risiken bei Adipositas-Medikamenten im Auge behalten:
- Die Abbruchraten bei der Behandlung können aufgrund von gastrointestinalen Nebenwirkungen hoch sein: Die Daten zeigen, dass Menschen, die die Kur abbrechen, den größten Teil des verlorenen Gewichts wieder zunehmen.
- Adipositas-Medikamente sind nach wie vor teuer. Das erschwert es den Kostenträgern, über Erstattungen Gewinne zu erzielen, und das wird noch problematischer, wenn eine mangelnde Therapieadhärenz im Spiel ist.
- Der Wettbewerb innerhalb der Arzneimittelklasse kann ansteigen. Viele große Pharmaunternehmen entwickeln konkurrierende Wirkstoffe, was die Preise senken könnte.
- Neue Wirkstoffklassen können künftig mit den aktuellen Medikamenten konkurrieren. Die führenden Arzneimittelhersteller für Fettleibigkeit verfügen über umfangreiche Bestände mit mehreren neuartigen Wirkstoffen, deren Wirksamkeit jedoch noch nicht nachgewiesen wurde.
Anleger, die Aktien der führenden Adipositas-Unternehmen halten, sollten vorsichtiger agieren und sich nach Alternativen umschauen, die den zu einem Duopol gewordenen Markt aufmischen könnten.
Innovation sorgt für langfristige Outperformance
Das Gesundheitswesen ist einer der innovativsten Sektoren – und diese Innovation wird langfristig zu einer Outperformance des Sektors gegenüber dem breiteren Markt führen. Anleger sollten hier die folgenden Trends berücksichtigen:
- Robotertechnologien für die minimalinvasive Chirurgie: Diese Systeme ermöglichen die Standardisierung von Operationsergebnissen für eine Vielzahl von Ärzten. Dank der Möglichkeit, künstliche Intelligenz zur Datenanalyse einzusetzen, bieten sie zudem das Potenzial für bessere Ergebnisse.
- Pulsfeldablation bei Vorhofflimmern: Die Ablation mit Radiofrequenz (heiß) oder Kryotherapie (kalt) wird seit Jahren eingesetzt, um die abnormale elektrische Signalübertragung zu verhindern, die Vorhofflimmern – eine der Hauptursachen für Schlaganfälle – verursacht. Diese Ansätze sind jedoch weder sicherheitstechnisch noch bei der Wirksamkeit optimal. Die gepulste Feldablation ist eine neue Ablationsenergiequelle, die effektiver ist, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen. Ärzte geben an, dass die Technologie bessere klinische Ergebnisse erzeugt und schneller wirkt. Zudem gehen sie davon aus, dass die Zahl der Ablationsverfahren zur Behandlung von Vorhofflimmern durch die Einführung dieser neuen Technologie deutlich zunehmen wird.
- Adipositasbehandlung der nächsten Generation: Die Medikamente gegen Fettleibigkeit, die aktuell am häufigsten eingesetzt werden, können zu Muskelabbau führen. Schätzungsweise entfällt etwa ein Drittel des Gewichtsverlusts, der durch die neuen Medikamente verursacht wird, auf Muskelschwund. Dieser Muskelabbau reduziert den Kalorienbedarf der Patienten. Wenn Patienten die Behandlung abbrechen, gewinnen sie zwar das Fett zurück, haben aber Schwierigkeiten, verlorene Muskelmasse wieder aufzubauen – das führt zu einem schlechteren Stoffwechsel. Es besteht daher ein ungedeckter medizinischer Bedarf an Medikamenten der nächsten Generation, die entweder keinen Muskelabbau verursachen, oder aber den Patienten dabei helfen, ihre Muskeln aufzubauen.
- Neuausrichtung des Immunsystems zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen: Viele Autoimmunerkrankungen resultieren aus den Gedächtnis-B-Zellen eines Patienten. Das sind Zellen, die auf ein Antigen gestoßen sind und nach dem Abklingen der Infektion im Wirt verbleiben. Als Folge einer versehentlich erlernten Reaktion produzieren sie fälschlicherweise Antikörper, die das Gewebe des Patienten angreifen. Immunologen gehen davon aus, dass eine Dezimierung dieser B-Gedächtniszellen das Immunsystem zurücksetzen könnte. Im Zuge dessen untersuchen sie die Verwendung gentechnisch veränderter T-Zellen und T-Zell-bindender Antikörper, um die Zahl dieser Gedächtniszellen zu verringern und so das Immunsystem wieder in seinen Zustand zu versetzen, in dem es vor der versehentlich erlernten Reaktion war.
Politik hat nur geringen Einfluss auf innovative Gesundheitsaktien
Joe Bidens Rückzug aus dem Präsidentschaftsrennen und die Kandidatur Kamala Harris haben die Aussichten für den Gesundheitssektor nicht verändert. In den USA herrscht ein parteiübergreifendes Misstrauen gegenüber der biopharmazeutischen Industrie. Der Inflation Reduction Act hat Medicare jedoch erst vor kurzem die Befugnis erteilt, Arzneimittelpreise direkt zu verhandeln – es scheint daher unwahrscheinlich, dass ein weiteres Gesetz verabschiedet wird, das auf die Preisgestaltung abzielt. Das Ergebnis der US-Wahlen wirkt sich im Healthcare-Bereich am ehesten auf Medicare Advantage, Medicaid und den Affordable Care Act (ACA) aus – und somit auf Krankenversicherungen und ihre Kunden. Unternehmen aus dem Gesundheitssektor bleiben davon dagegen unberührt.
Für den Fall eines Wahlsiegs der Republikaner wird die Zahl der Nichtversicherten wahrscheinlich steigen. Die Mitgliedschaft im Affordable Care Act dürfte zurückgehen, da die Initiativen der Demokraten auslaufen, welche die Mitgliedschaft angekurbelt hatten. Zudem wird es immer wahrscheinlicher, dass die Regierung es den Bundesstaaten überlassen wird, die Bedingungen für den Bezug von Medicaid-Leistungen festzulegen. Gewinnen dagegen die Demokraten die Wahl, würde die Zahl der Einschreibungen in diese Programme wahrscheinlich stabil bleiben. Für Anleger, die sich auf die innovativeren Bereiche des Gesundheitswesens konzentrieren, ist keines dieser Szenarien ein wesentliches Risiko.
Die Erholungsphase hat erst begonnen
Gesundheitsaktien haben sich im Jahr 2024 zusammen mit dem breiteren Markt erholt. Mit Ausnahme einiger führender säkularer Gewinner hat sich die relative Bewertung des Sektors jedoch nicht verändert. Nebenwerte aus dem Bereich Biotech sind seit dem jüngsten Tiefpunkt zwar wieder deutlich gestiegen, notieren aber immer noch deutlich unter ihrem Höchststand von vor mehr als drei Jahren. Jedoch dürften wir uns immer noch in einer frühen bis mittleren Phase der Erholung befinden. Für Anleger wäre jetzt also ein attraktiver Zeitpunkt für eine Allokation in Healthcare-Aktien, insbesondere bei Small und Mid-Caps: Diese sind nach wie vor attraktiv bewertet.